WAZ - Die Westdeutsche Allgemeine

Ein besonderer Fall

Rheinberg. Schon der Auftakt der zweistündigen Aufführung erinnerte in seinem Stil verdächtig an ein bekanntes Original: ein Glas, eine Cognacflasche auf dem Schreibtisch, Guido Theuws alias Privatdetektiv John Stanky schlafend auf seinem Sessel im Büro - tief den breitkrempigen Hut ins Gesicht gezogen und die Beine mit löchrigen Socken auf dem Tisch gelegt. Schöne Grüße von Philip Marlowe!
Vier Tage in denselben Socken

Aus dem Off ertönt eine lässig-coole Stimme, die von seinem Brummschädel und vier Tagen in denselben Socken erzählt - bis seine resolute Sekretärin Olivia Shoemaker (Cornelia Voß) ihn weckt, an die „zehn Rechnungen, sieben Mahnungen, zwei Vorladungen und zwei Drohbriefe“ erinnert und nach ihrer Kündigung anschließend mit Radio und Stehlampe die Detektei verlässt. Der Verweis auf die von Humphrey Bogart verkörperte Figur des abgebrannten, aber nie einem Drink abgeneigten Detektiv Philip Marlowe ist in der Kriminalkomödie „John Stanky:Privatdetektiv. Pleite, passé“ von Andreas Kroll durchaus gewollt. Im Kontext des Stücks, das von der Krefelder Hobbytheatergruppe „spiegelVERKEHRT“ im Pfarrheim St. Anna aufgeführt wurde, ist sie als humorvolle Persiflage auf das große Vorbild angelegt.

Die Story im Chicago der 30er ist schnell erzählt: Eine geheimnisvolle Schöne namens Alice Sutherland (Gudrun Theuws) beauftragt den Detektiv gegen ein großzügiges Honorar, die Erpressung ihrer Großmutter und ehemaligen Vormund Lady Elisabeth Bellingham - streng resolut verkörpert von Susanne Hüther - aufzuklären.

Als Bekannter führt Alice Sutherland den schlaksigen Mann, der so gar nicht in diese Gesellschaft hineinpasst (“Ein bisschen darf ich doch schon locker sein.“), in diese ein - genauer gesagt in ein Familientreffen auf dem Landgut der resoluten Dame. Wo er recht tollpatschig von einem Fettnäpfchen ins andere stolpert und sich als Verlobter der intelligenten Alice ausgibt. Und auf die auf Etikette bedachte Tante Ashley (Regine Galiardi) trifft, die ihrer Nichte die Schein-Verlobung mit dem Detektiv nicht abkauft - und selbst vor Jahren von einem Heiratsschwindler aus Venezuela düpiert wurde.

Die Großmutter selbst hatte vor Jahren eine Verlobung ihrer verwitweten Enkelin mit ihrem damaligen Mann arrangiert, was die natürlich auf die Palme bringt, als es rauskommt. Und da ist Onkel Thomas, ein unter Bluthochdruck leidender Krakeeler, der am Ende des Tages aber ermordet wird.

Nach und nach schält sich heraus, dass Lady Bellingham mit dem Wissen um zwei uneheliche Kinder ihres verstorbenen Mannes erpresst wurde. Und am Ende outet sich das Hausmädchen Claire als Mörderin und Teil des Erpresserduos, die ihren panischen Komplizen um die Ecke gebracht hat.

Was dem Ensemble gut gelang, war, die Charaktere ihrer Figuren mit ordentlichem britischen Humor ganz gut sichtbar zu machen. Besonders markant war dabei die Figur der etwas schrulligen und verwirrten Tante Helen mit orangefarbenem Schleifchen im Haar, die phasenweise grandios von Cloti Peukes als schräges Element verkörpert wurde.

Und was ihr Amateurtheater so liebevoll und echt machte, war der direkte Umbau der Szenerien vor den Augen der Zuschauer - mit selbst im Laufe der Jahre zusammengetragenen Requisiten im authentischen 30er-Jahre-Stil.

Alexander Flori

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